Samstag, 27. Juli 2013

Katharina Hartwell. Das fremde Meer


Phantastisch, märchenhaft, spannend - Worte, um ihn zu beschreiben gibt es so viele, doch zuerst ist er natürlich dies:
ein ganz großer Liebesroman.
Erzählt wird von der Liebe in all ihren Variationen.
Vom Glück und dem damit verbundenen Schmerz.
Erzählerin der zehn Geschichten ist Marie. Zuerst beginnt sie, von sich zu erzählen und davon, wie sie ihn fand, den sie so sehr liebt: Jan.
Aus einem Grund, den wir erst am Ende erfahren, folgen nun Storys (meist) tragischer Liebespaare. Immer muss ein kranker, schwacher Julian, Yann oder Jacques aus den Wolken, den Meeresfluten oder einem Turm gerettet werden.
Jedesmal sucht eine aufrechte, mutige und starke Moira, Martha oder Miranda ihren Geliebten.

Und das Verrückte ist, jede Geschichte bedient ein anderes Genre!
Katharina Hartwell wechselt von einer Science-Fiction-Story zum Märchen, gefolgt von einer Story, deren Figuren und Orte historisch belegt sind.
Bedrückend und beängstigend mutet die Atmosphäre in der Salpêtrière an, einer psychiatrischen Anstalt im Paris des 19. Jahrhunderts. Reale Figuren, wie der berühmte Arzt Charcot und sein Assistent Freud sowie die Patientin Blanche Wittman (Hysterikerin) tauchen auf.
Dann wird es wieder versponnen und verzaubert. Ein Junge muss aus einem Leuchtturm, ein anderer aus einem schwebenden Zeppelin gerettet werden.
Ein Entfesselungskünstler à la Houdini begegnet im Zirkus einem Medium.

Orte, Ereignisse und Symbole wiederholen sich und verknüpfen die Geschichten auf geheime Weise.
So tauchen immer wieder Schlüssel und dazu passende Schlösser auf. Das Zwillingspaar Merwin und Corwin geistert durch mindestens zwei Geschichten. Wir befinden uns mal in der Wechselstadt, dann in der Nordstadt.
Marie erzählt und erzählt. Gern auch von ihrer großen Liebe zu Jan (S. 341):
"Ich wünschte, du wärst kleiner, leichter....
Ich wünschte, du wärest so klein und leicht, dass ich dich zusammenfalten und bei mir tragen könnte.
Ich wüsste, dass du gut verwahrt bist und geschützt vor der Welt.
Der Schlag deines stecknadelgroßen Herzens, ich hätte ihn immer im Ohr.
Wir wären nie getrennt."
Als in der Geschichte mit dem Zeppelin die Krankenschwester Milena dem lichtkranken Jakob "Das fremde Meer und andere Geschichten" vorliest, glaubt man, etwas zu ahnen.......
....bis man schließlich den letzten Satz gelesen hat und einfach nur beeindruckt ist.
Manche der Stories hätte vielleicht kürzer und geraffter erzählt werden können.
Doch ich glaube, dass ich dieses Buch gerne wieder lesen werde. So viel gibt es noch zu entdecken.
Schön auch die eingefügten historischen Abbildungen.